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Jul.

„Kinder, die heute verhungern, werden ermordet.“

Soziologe Ziegler: Kapitalismus muss zerstört werden

Der Soziologe, UN-Berater und Autor Jean Ziegler (85) hält den Kapitalismus nicht für reformierbar. „Der Schweizer Banken-Banditismus nährt sich vom Elend der Ärmsten, bis heute“, sagte Ziegler im Interview der „Süddeutschen Zeitung“ am Freitag, 11. Juli. Im Kongo funktioniere kein Spital, keine Schule. „Und die Banker sagen, wir können nicht die Gendarmen der Welt sein, wir verwalten das Geld nur.“

„Mich motiviert das Blutgeld“, so Ziegler. Der 1997 gestorbene kongolesische Diktator Mobutu Sese Seko etwa habe 7,8 Milliarden Dollar auf seinem Konto in Zürich gehabt. Als funktionaler Analphabet habe er Hilfe der Banken gebraucht, um solch ein Finanzimperium aufzubauen. Ziegler: „Das Blut läuft zwar nicht an den Fassaden in Zürich und Bern herunter, aber es sollte eigentlich.“ Zur Abschaffung des Kapitalismus sieht der Schweizer Gewalt als ein legitimes politisches Mittel an. „Kein Unterdrückungssystem der Menschheitsgeschichte konnte reformiert werden; nicht der Feudalismus, nicht der Kolonialismus. Alle mussten zerschlagen werden“, so der Soziologe. „Entweder wir zerstören den Kapitalismus jetzt - oder er zerstört uns und den Planeten“, sagte Ziegler.

Der Kapitalismus mit seinen Großkonzernen habe selbst „eine kannibalische, mörderischere Weltordnung geschaffen“. Alle fünf Sekunden verhungere ein Kind unter zehn Jahren. Gleichzeitig könnte die Landwirtschaft heute „problemlos zwölf Milliarden Menschen ernähren“.

Das Fazit des Autors: „Kinder, die heute verhungern, werden ermordet.“ Durch die Aufhebung des Bankgeheimnisses, kritisierte Ziegler, sei kaum etwas besser geworden. „Für den Zahnarzt in Lyon ist es heute schwerer, sein Geld zu verschieben, aber nicht für einen Multimilliardär, der sein Geld in Offshore-Geflechte steckt.“ Der Sohn einer wohlhabenden Schweizer calvinistischen Familie brach während seines Jurastudiums mit dem Kapitalismus und ging 1961 in den jungen Krisenstaat Kongo, als Assistent des UN-Sonderbeauftragten. Dort seien die Kinder den Zaun heraufgeklettert, um an die Essensreste der Weißen zu kommen. „Da schlugen ihnen die Sicherheitsleute mit den Gewehrkolben auf den Kopf, sie fielen auf die Straße zurück. Da schwor ich mir: Nie mehr im Leben stehst du auf der Seite der Henker.“

Der Philosoph Jean-Paul Sartre, Simone de Beauvoir und der Revolutionär Che Guevara hätten ihn überzeugt, Autor statt Freiheitskämpfer zu werden, berichtete Ziegler. Che habe 1964 mit Blick auf den Genfer Sees gesagt: „Siehst du diese Stadt da unten? Das ist das Gehirn des Monsters, hier musst du kämpfen.“ So habe er ihm das Leben gerettet. „Ich war ja Wehrdienstverweigerer. Ich wäre längst in irgendeinem Massengrab verscharrt.“

Gegen Zieglers Bücher gab es mehrere Prozesse wegen Verleumdung. Dadurch sei er bis heute mit mehreren Millionen Euro verschuldet, trotz einer Millionenauflage seiner Werke. Er und seine Familie bekamen wiederholt Morddrohungen. Im Ausland erhält er nach eigener Aussage bis heute Polizeischutz. Juristisch genießt er inzwischen die Immunität der UN.

KNA-Mitteilung vom 12. Juli 2019; Foto: pixabay.com/markusspiske