König

21

Sep.

Seine Majestät pflücken Koka

Ein König in Bolivien, der keiner sein will

 

Auf einer Plantage mitten in Bolivien lebt ein Kuriosum: König Julio I. ist Nachfahre afrikanischer Sklaven mit blauem Blut. Den Titel trägt er zwar, doch Palast und Lebensstil des Dynasten sind bescheiden.



Es ist trocken und oft kühl in La Paz, 3.600 Meter über dem Meeresspiegel. Und vor allem

eines: karg. Die Bergketten, die die bolivianische Stadt umringen, lassen kaum vermuten, dass gleich dahinter Dschungel wuchert. Los Yungas, so heißen die tiefer gelegenen subtropischen Täler in den Anden. Und dort soll es ein afrikanisches Königreich geben. Samt König - der einzige in Lateinamerika notabene. Auf der offiziellen Internetseite des Königshauses erscheint er als "Seine Majestät Don Julio der Erste", mit einer prächtigen goldenen Krone und roter Schärpe.


König

 

Es gibt keine direkte Busverbindung ins Dorf des Königs, nach Mururata. Man steigt ein paar Mal um, schlängelt sich über nicht asphaltierte Wege an Kokaplantagen vorbei. Wann Julio I. anzutreffen sei, erzählen die Leute, das sei ungewiss, hänge davon ab, ob er tagsüber auf seiner Plantage Kokablätter pflückt. Sie berichten auch, dass der König schon alt sei, und mürrisch. Als die Spanier Südamerika vor über 500 Jahren überrannten und seine Bewohner niederdrückten, entdeckten sie Gold und Silber, in Unmengen. Erst schickten sie die indigene Bevölkerung in die Minen Boliviens, die an Staub, Hunger und Misshandlungen starben. Dann holten sie Arbeitskräfte in Afrika. Die Afrikaner hielten es in den Anden noch weniger aus. Mit der Zeit wurden sie in wärmere Regionen Boliviens verkauft - etwa in die Yungas. Um 1820 fuhren die letzten Schiffe mit afrikanischer Menschenware über den Atlantik. 1826 wurde die Sklaverei abgeschafft.

Es dunkelt ein. Das Eckhäuschen des Königs sieht man bereits beim Einbiegen in Mururata. Im oberen Raum lebt das Königspaar. Im unteren führt seine Frau einen sehr einfachen Laden. "Es gibt Leber und getrocknetes Lamafleisch", steht draußen geschrieben. Drinnen sitzt ein alter Mann in Karo Hemd und Baseballkappe an einem abgenutzten Holztisch.

"Guten Abend, sind Sie der König?" Julio I. hebt müde den Kopf. Er nickt, brummelt ein "Buenas noches". Hinter ihm sitzt seine Frau auf der untersten Stufe der Treppe, die in den Wohnbereich führt. Sie kaut Kokablätter. Königin Angelica ist in einen kaskadenähnlichen Rock gekleidet wie ihn die indigenen Frauen tragen. Über all die Jahrhunderte haben sich die afrikanische und indigene Kultur vermischt.

Auf einem der letzten Sklavenschiffe soll Prinz Uchicho gewesen sein. Einer alten Geschichte nach wusste niemand, dass Uchicho aus königlichem Hause stammte. Eines Tages habe er in einem Fluss gebadet. Auf seinem entblößten Rücken waren tätowierte Symbole zu sehen, die nur ein Sohn aus afrikanischem Königshaus haben konnte. 1832 krönten ihn die anderen Sklaven zu ihrem Oberhaupt. 1992 bestieg sein Urenkel den Thron: Julio Pinedo - der heutige König. Pinedo arbeitet, seit er denken kann, auf Plantagen, die unweit von Mururata sind. Acht Stunden am Tag.

Koka


Mit den Einnahmen der Ernte und des Ladens kann sich das Königspaar, das seit über 50 Jahren verheiratet ist, ein sehr einfaches Leben leisten. Die Afrobolivianer gehören bis heute zur ärmeren Bevölkerungsschicht. Unter der Regierung von Präsident Evo Morales hat sich die Lage der rund 25.000 afrikanisch stämmigen Bürger allerdings verbessert. Seit der neuen Verfassung 2009 gelten sie als eine der 36 anerkannten Nationen im "plurinationalen" Staat. Und seit 2010 sitzt mindestens ein Afro-Abgeordneter im Parlament. Die Leute in den Afro-Dörfern erzählen, dass der König schon als kleiner Junge scheu und introvertiert war. Obwohl sie auf ihn stolz sind, beklagen sie, dass er seine repräsentative Rolle als König nicht wahrnimmt, wie sie es sich wünschten. "Hadern Sie mit Ihrem Schicksal, König zu sein?" Der 76-Jährige tut es. Zumal die zwei Welten - die des einfachen Campesinos und die des auf Händen getragenen Königs in Schärpe - auseinander klaffen. Seine Stellung ist vor allem symbolisch, hat ihm finanziell kein besseres Leben gebracht. Und politisch hat er keinen Einfluss.

"Meine Aufgabe ist es, die traditionelle Kultur der Afrobolivianer zu bewahren, sie den jüngeren Generationen weiterzuvermitteln", umgeht er erst die Frage. Dann räumt er ein, dass ihm eigentlich die Zeit zum Königsein fehle. "So wie jetzt." Und lacht.

 

Autorin: Camilla Landbö (KNA)