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08

Dez.

Über die frühen fairen Jahre

50 Jahre Fairer Handel - eine Zeitreise

Im Februar 1970 fand die konstituierende Sitzung des Entwicklungspolitischen Arbeitskreises (EPA) der Evangelischen Jugend Deutschland (aej) und des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) in Bochum statt. Der neu gegründete Kreis wählte je neun Mitglieder, sah seine vorrangige Aufgabe darin, die entwicklungspolitische Bildungsarbeit zu fördern und dafür den Mitgliedsverbänden, Diözesanverbänden und Gliederungen entsprechende Vorschläge zu machen und Hilfen anzubieten.

Ernst-Erwin Pioch von der Evangelischen Jugend schrieb die Problemskizze zur Gründung einer „Aktionsgemeinschaft Dritte Welt-Handel“, es wurde eine Projektgruppe gegründet, die im Juli 1970 erstmals in Bonn zusammenkam. Dort stellte Paul Meijs aus den Niederlanden seine Organisation „Stichting Ontwikkelings Samenwerking“ (SOS) vor, die Produkte kleiner Genossenschaften aus Entwicklungsländern importierte, deren Marktchancen durch garantierte Festpreise verbessert werden sollten. Das Interesse von Gruppen für die Durchführung einer Verkaufsaktion der Aktion 3. Welt-Handel wuchs sprunghaft, Erwin Mock von MISEREOR erstellte den ersten Werbeprospekt, SOS konnte nur mit Mühe genügend Waren durch Vorfinanzierung für die Aktionen liefern. Erst im Juni 1971 konstituierte sich in Frankfurt der Leitungskreis der Aktion 3. Welt-Handel, dessen Vorsitz Harry Neyer, damals Bundesvorsitzender der DPSG und Stellvertretender Bundesvorsitzender des BDKJ übernahm. Bereits bei dieser Tagung wurde das Signet der A3WH mit der „Drei in der Spirale“ beschlossen.

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1970-Plakat-Friedensmarsch-scan-(c)-MISEREOR

Bildungsarbeit und Verkauf – ein Gegensatz?

Dem pädagogischen Auftrag der Jugendverbände entsprechend war für den EPA die „entwicklungsbezogene Bildungsarbeit“, die Hauptaufgabe, auch bei der Gründung der Aktion 3. Welt-Handel. Auf einem der ersten Werbeplakate für die A3WH hieß es: „Die >Aktion Dritte Welt Handel< sieht ihre Aufgabe gegenüber der Öffentlichkeit nicht vordringlich im Warenverkauf, sondern in der Aufklärung über die Lage der Entwicklungsländer und ihre totale Abhängigkeit von den Industrieländern.“ Die ersten Aktionsgruppen und Weltläden gründeten sich, auch wenn der Verkauf zunächst als Mittel gesehen wurde, diese Information zu transportieren. Die Förderung der Produktionsgenossenschaften war der zweite, aber durchaus erwünschte Effekt. Zwischen diesen beiden Zielvorstellungen gab es von Beginn der Aktion an ein Spannungsverhältnis bis hin zu harten Konflikten. Dieser Zielkonflikt ist bis heute im Fairen Handel anzutreffen, einige sprechen von den „zwei Wegen des Fairen Handels“. Zielführender ist aber sicherlich eher eine Arbeits- und Rollenteilung und vor allem: die Orientierung an dem gemeinsamen Ziel, den Handel fair zu machen.

Fairtrade im Aufwind

Heute, fünf Jahrzehnte später, gibt es Fairtrade-Kaffee fast in jedem Lebensmittelladen. Aber nicht nur der Kaffee hat Einzug in die Verkaufsregale gehalten: War der Faire Handel in seinen Anfängen auf Kunsthandwerk oder klassische Kolonialwaren wie Kaffee und Tee beschränkt, können Konsument*innen heute in Deutschland zwischen vielen Produkten wählen: 440 Lizenz-Partnerfirmen bieten rund 7.000 Fairtrade-gesiegelte Produkte an. Rund 1,7 Millionen Bäuerinnen und Bauern sowie Arbeiterinnen und Arbeiter auf Plantagen aus 75 Anbauländern profitieren derzeit von ihrer Beteiligung an Fairtrade und erhielten in 2019 mehr als 38 Millionen Euro Fairtrade-Prämien.

Weltläden gehören zum Gesicht einer Stadt

Bundesweit engagieren sich in rund 1000 Weltläden mehrere 10.000 Menschen. Weltläden gehören zum Gesicht einer Stadt oder Gemeinde. Sie prägen das gesellschaftliche Leben, bieten Kultur- und Bildungsangebote für Jung und Älter und verkaufen Produkte des Fairen Handels. Aus der Weltladenbewegung gehen Initiativen wie Fairtrade-Towns uns Fairtrade-Schools hervor, regionale Netzwerke zur nachhaltigen Bildung werden von Weltladenmitarbeitenden unterstützt.

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1970 Foto Hungermarsch FFM Sonntag im Bild

Etappen der Erfolgsgeschichte

Aus der Solidaritäts-Initiative einiger weniger Menschen ist eine gut organisierte, weltumspannende Bewegung entstanden. Hier stellen wir Ihnen einige der wichtigsten Etappen dieser Erfolgsgeschichte vor:

1959 wird in den Niederlanden, angestoßen durch eindrückliche Erfahrungen in der Arbeit der Emmaus-Bewegung in Frankreich, die Stiftung „S.O.S.“ gegründet – die heutige „Fair Trade Original“.

1965: In Großbritannien wird im Rahmen eines „Helping-by-Selling“-Programms eine „Alternative Trading Organization“ gegründet.

1969: Der weltweit erste Weltladen („Wereldwinkel“) eröffnet in Breukelen/Niederlande.

1970: Aus Kritik an der offiziellen Entwicklungspolitik organisieren die kirchlichen Jugendverbände aej (Arbeitsgemeinschaft der Evangelischen Jugend in Deutschland e.V.) und BDKJ (Bund der Deutschen Katholischen Jugend) Hungermärsche in 70 Städten der Bundesrepublik und mobilisieren 30.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Unterstützt von den kirchlichen Hilfswerken, beginnen sie mit dem Verkauf von Kunsthandwerk aus Fairem Handel, das von der niederländischen „S.O.S. Wereldhandel“ auch nach Deutschland importiert wird.

1971: Daraus entsteht die Bewegung „Aktion Dritte Welt Handel“ (A3WH). Die Ware ist Gegenstand politischen Lernens: „Lernen durch Handeln“.

1973: Die niederländische Stiftung S.O.S. Wereldhandel importiert auf Anregung von MISEREOR aus Guatemala den weltweit ersten fair gehandelten Kaffee und vertreibt ihn als „Indio-Kaffee“ gleichzeitig in den Niederlanden und Deutschland.

1975 wird das Fair-Handelsunternehmen GEPA als „wirtschaftlicher Arm“ der Bewegung von A3WH e.V., MISEREOR, Kirchlichem Entwicklungsdienst (KED, heute EED) und der in diesem Jahr neu gegründeten Arbeitsgemeinschaft der Dritte Welt Läden (AG3WL; heute Weltladen-Dachverband) unterzeichnet. Zu diesem Zeitpunkt gibt es etwa 40 Weltläden in Deutschland.

1977: Die weitere Importorganisation „El Puente“ wird als GmbH gegründet; 1988 folgt die „Dritte Welt Partner GmbH“ (dwp), die später zu einer Genossenschaft wird.

1978: „Wandel durch Handel“ steht im Mittelpunkt der Fairhandels-Bewegung. Jutetaschen aus Bangladesch mit dem Slogan „Jute statt Plastik“ werden zum Symbol für einen anderen Lebensstil.

1984: Gründung der European Fair Trade Association (EFTA); Mitglied sind u. a. die deutsche GEPA und die niederländische S.O.S./Fair Trade Original.

1985: Zehn Jahre nach der GEPA-Gründung gibt es in Deutschland rund 200 Weltläden.

1986: Gründung von BanaFair e.V. Der Verein importiert und vertreibt Bananen von Kleinproduzent*innen, die ihre Früchte unabhängig von multinationalen Konzernen produzieren und vermarkten.

1988: Start der Siegelinitiative Max Havelaar in den Niederlanden. Fair gehandelter Kaffee wird zum ersten Mal in Supermärkten verkauft.

1989: Gründung der International Fair Trade Association (IFAT)

1989: Die Gesellschafter der GEPA entschließen sich wegen zunehmender Anfragen der Produzent*innen, die Vertriebswege des Fairen Handels auszuweiten: Von diesem Jahr an sind GEPA-Produkte auch in deutschen Supermärkten erhältlich.

1991: Ein Bündnis kirchlicher und Entwicklungs-Organisationen gründet nach dem Vorbild der niederländischen Max Havelaar-Initiative in Aachen den Verein „AG Kleinbauernkaffee e.V.“, der sich kurz darauf in TransFair e.V. umbenennt: Unter den insgesamt zehn Gründer*innen sind die GEPA-Gesellschafter, die AG3WL sowie die Friedrich Ebert Stiftung; die GEPA berät den neuen Verein in seiner Startphase.

1992: Der im Vorjahr gegründete Verein TransFair nimmt in Deutschland seine Arbeit auf, ebenso wie TransFair in Österreich (heute Fairtrade Österreich) und die MaxHavelaar Stiftung in der Schweiz

1994: Gründung des Netzwerkes europäischer Weltläden (NEWS!)

1997: Gründung der Fairtrade Labelling Organizations International (FLO), heute Fairtrade International

2000: Das englische Städtchen Garstang wird zur ersten Fairtrade-Town

2001: Im September 2001 organisieren die Akteur*innen des Fairen Handels in Deutschland erstmalig gemeinsam eine „Faire Woche“, unterstützt von MISEREOR und Evangelischen Entwicklungsdienst (EED)

2001: FLO, IFAT, NEWS! und EFTA verabschieden eine gemeinsame Definition des Fairen Handels. In diesem FINE-Dokument „Grundlage für eine verbesserte Zusammenarbeit im Fairen Handel“ erstmalig die heute international anerkannte Definition des Fairen Handels formuliert. Diese Definition ist auch in Deutschland die Grundlage für die weitere Arbeit der Fair-Handels-Organisationen. Sie wird im Jahr

2018 in einer „Charta des Fairen Handels“ bestätigt.

2002: FLO präsentiert das internationale Fairtrade-Siegel (Fairtrade Certification Mark)

2002: In Deutschland wird das „Forum Fairer Handel“ als nicht eingetragener Verein gegründet: Mitglied sind Organisationen, die ausschließlich im Fairen Handel arbeiten - wie etwa TransFair und die GEPA – sowie Organisationen, die in der Förderung des Fairen Handels einen Schwerpunkt ihrer Arbeit sehen - wie z.B. EED und MISEREOR. Als gemeinsame Basis werden durch das „Forum Fairer Handel“ die Definition, die strategischen Ziele und die Grundsätze des Fairen Handels verankert.

2004: IFAT präsentiert das Logo Fair Trade Organization Mark

2004: FLO teilt sich auf in: FLO (Standards und Produzent*innenunterstützung) und FLO-CERT (Inspektionen und Zertifizierung)

2007: Vertreter von Produzent*innengruppen treten dem FLO-Direktorium bei

2008: Mit Fairtrade-zertifizierten Produkten werden in Deutschland mehr als 213 Millionen Euro umgesetzt. (Schweiz 168, Österreich 65 Millionen Euro)

2009: IFAT wird in World Fair Trade Organization (WFTO) umbenannt.

2009: Saarbrücken wird die erste deutsche Fairtrade-Town

2010: Der Umsatz von Fairtrade-Produkten steigt um 27 Prozent auf 340 Millionen Euro. Mehr als 7.200 Tonnen Fairtrade-Kaffee werden in Deutschland verkauft.

2011: Die zehnte Faire Woche ist mit fast 5.000 Einzelaktionen zum Fairen Handel und einem neuen Weltrekord im fairen Kaffeetrinken sehr erfolgreich; sie wird von der Bundesregierung, dem EED und MISEREOR unterstützt.

2011: Fair gehandelte Produkte sind bundesweit in rund 800 Weltläden, 30.000 Supermärkten, Bio- und Naturkostläden, in etwa 15.000 gastronomischen Betrieben und bei rund 6.000 Aktionsgruppen erhältlich: Der Faire Handel wächst stetig weiter.

2014: Die WFTO beschließt auf Ihrer Konferenz in Rio de Janeiro die Einführungen eines Fair Trade Guarantee Systems. Es überprüft die Mitgliedsunternehmen auf ihre Fairness anhand der 10 Prinzipien des Fairen Handels.

2016: Brot für die Welt und MISEREOR finanzieren einmalig die Einführung des WFTO-Garantie-Systems.

aus: Solidarität ist TATsache - Zeitansage nach 50 Jahren Fairer Handel in Deutschland; Bischöfliches Hilfswerk MISEREOR, Aachen, September 2020, www.misereor.de/publikationen

Titelfoto: Stephan Stricker/MISEREOR