Ist Lidl wirklich preiswürdig?

29

Jun.

Ist Lidl wirklich preiswürdig?

Die Diskussion um den Discounter Lidl und sein Engagement im Fairen Handel ebbt nicht ab – Kritik an Unternehmensführung bleibt bestehen

Der Discounter Lidl errang einen zweiten Platz beim Fairtrade-Award - der Ehrung für „herausragendes Engagement für den
Fairen Handel". Welt&Handel hat sowohl von TransFair als auch von Lidl eine Stellungnahme erhalten, aus denen wir in diesem Bericht zitieren. Ist Lidls Engagement wirklich so herausragend und damit preiswürdig? TransFair meint ganz klar „Ja": ...

 

„Der Discounter Lidl war 2006 mit der Marke Fairglobe Vorreiter darin, Fairtrade-Produkte über eine speziell hierfür eingeführte Eigenmarke dauerhaft in sein Sortiment aufzunehmen und hat die Produktvielfalt kontinuierlich ausgebaut. Die Entscheidung zur Eigenmarkenpolitik zeigt, dass von Anfang an die ernsthafte und überzeugte Absicht für ein langfristiges Engagement bestand. Lidl nimmt für Fairtrade eine Multiplikator-Rolle ein. Die breite Distribution mit mehr als 3.000 Geschäften bundesweit sorgt für eine hohe Verfügbarkeit fair gehandelter Waren. Für die Produzenten wird so ermöglicht, ihre Produkte zu verkaufen und von

 

den Fairtrade-Bedingungen zu profitieren". Es sind jedoch nur zwölf gesiegelte Produkte im Gesamtsortiment
(etwa 700 Artikel) des Discounters. Reichen zwölf Produkte aus, um Vorbild im Fairen Handel zu sein? Auch wenn der Absatzmarkt aufgrund der flä-chendeckenden Verbreitung der Läden und des enormen Zulaufs dank anderer extrem preisgünstiger Produkte höher ist als das eines Weltladens, stellt sich die Frage, ob das dann schon gleich herausragendes Engagement im Fairen Handel ist? „Das Engagement eines Weltladens, der seit 30 Jahren und mehr um Kunden kämpft, der die breite Palette der fair gehandelten Produkte anbietet und gleichzeitig Bildungsarbeit macht, ist da doch wohl weit herausragender", meint Michael Freitag, Grundsatzreferent der Arbeitsgemeinschaft Evangelischer Jugend (aej).

 

TransFair meint: „Die Summe der Faktoren war ausschlaggebend für die Jury, Lidl für die langfristige produktive Zusammenarbeit bei der Fairtrade-Award-Verleihung in Berlin den zweiten Platz in der Kategorie Handel zu vergeben." Auch mit Blick auf die Unternehmenspolitik des Discounters kommt Kritik bezüglich des Preises auf. „Seit nunmehr fünf Jahren konfrontiert die Kampagne für Saubere Kleidung (CCC) die Discounter Aldi, Lidl und KiK mit massiven Arbeitsrechtsverletzungen in der Textilproduktion in ihren Zulieferfabriken in Bangladesch.

 

Während Aldi keinerlei Anstrengungen unternahm und sich auch weigert, mit der CCC zu sprechen, führte Lidl Trainings zu Sozialstandards bei Produzenten in Bangladesch und China durch. Eine Recherche Ende 2011 brachte jedoch Ernüchterung, denn bei den Arbeiterinnen kommt kaum etwas an. Diese Situation wurde von Seiten der CCC Anfang März 2012 in einem Gespräch mit Lidl diskutiert. Dabei gab die CCC konkrete Forderungen und Möglichkeiten an Lidl, die Arbeits- und Lebensbedingungen der Beschäftigten zu verbessern", sagt Gisela Burckhardt von FEMNET, eine der Trägerorganisation der Kampagne für Saubere Kleidung. TransFair appelliert an Unternehmen und Verbraucher/innen: „Wir begrüßen den kritischen und aufmerksamen Blick seitens der Medien und der Verbraucherinnen und Verbraucher. Darüber hinaus ist ein konkretes Umdenken im Handeln vonnöten. Wir müssen Produkten eine neue Wertigkeit geben. Der deutsche Handel muss seine Wertschöpfungskette ernsthaft in Frage stellen und anhand sozialer, ökologischer und ökonomisch nachhaltiger Aspekte überarbeiten. Das gilt für den Lebensmitteleinzelhandel genauso, wie für Unternehmen der Textilbranche. Ebenso sind aber auch alle Verbraucherinnen und Verbraucher gefragt, auf der Jagd nach Schnäppchen hinter die Produkte zu blicken und zu erkennen, welche Folgen die Niedrigpreispolitik für jene bedeutet, die am Anfang der Lieferkette stehen."

 

Lidl selbst hat der Redaktion von Welt&Handel ebenfalls eine Stellungnahme zukommen lassen, in der sie ihr Engagement für Fairtrade erläutern, jedoch keineswegs auf die kritischen Anfragen eingeht. So bleiben sie eine Erklärung schuldig, wie sie den Spagat zwischen dem Anspruch an Unternehmensverantwortung, Arbeitsrecht und -schutz, der zu den Kriterien des Fairtrade- Siegels gehört, mit den Anschuldigungen, Lidl nehme die eigene Unternehmensverantwortung in dieser Hinsicht nicht wahr, meistern. Ebenso gab es keine Antwort auf die Frage wie Lidl mit der Kritik umgeht und ob sich daraus Änderungen in der Unternehmensphilosophie ableiten. Auszug aus der Lidl-Stellungnahme: „In Fairtrade-zertifizierten Produkten sah Lidl als erster Discounter in Deutschland ein wirksames Mittel, sich mit der eigens dafür entwickelten Lidl-Eigenmarke Fairglobe effektiv einzubringen und die Nachfragesituation in Deutschland zu stimulieren.

 

Mit einem einheitlichen Verpackungsdesign sind die bundesweit erhältlichen Fairglobe-Artikel seither leicht für Kunden zu erkennen. Als Handelsunternehmen im Discountbereich hat Lidl trotz der Preisbewusstheit der Branche diesen Schritt bewusst und frühzeitig gemacht und damit bewiesen, dass der oftmals kritisierte „Spagat" zwischen niedrigem Preisniveau und Angebot Fairtrade zertifizierter Artikel langfristig funktioniert. Wir erreichen eine breite Käuferschichtund fördern die Bewusstseinsstärkung für nachhaltig erzeugte Produkte. Auf diese Weise kann der Kunde aktiv dazu beitragen, die Lebensund Arbeitsbedingungen der Menschen in den Produktionsländern zu verbessern. Wir bieten bundesweit unseren Kunden seit mehr als fünf Jahren die Möglichkeit, zertifizierte Artikel unter derLidl-Eigenmarke Fairglobe zu erwerben. Seither haben wir das Angebot kontinuierlich in den unterschiedlichen Sortimentsbereichen ausgebaut und führen heute rund zwölf Fairglobe-Artikel fest im Sortiment."

 

aus: Welt&Handel, Nr. 04-12,
Gundis Jansen-Garz, www.weltundhandel.de