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06

Jul.

Kaffeeanbau in Zeiten des Coronavirus

Eine Situationsbeschreibung von Kleber Cruz

In letzter Zeit habe ich sehr oft und sehr lange mit Vertreter*innen von Kaffeegenossenschaften aus Lateinamerika über die Lage während der Corona Krise gesprochen. Wenn ich mit ihnen über die Nachrichten, die man über den Kontinent liest oder hört, spreche, gewinnen sie den Eindruck, Lateinamerika stünde erst durch Corona vor einer humanitären Katastrophe. Leider ist es aber so, dass Corona schmerzhaft sichtbar macht, was im Laufe der lateinamerikanischen Geschichte schiefgelaufen ist. Humanitäre Katastrophen sind der normale Zustand des Kontinents, in der jüngsten Vergangenheit sind die Flüchtlinge aus Venezuela oder die Caravana aus Honduras der lebende Beweis dafür.

Für unsere Kaffeeproduzent*innen ist die Situation besonders dramatisch, denn andere Faktoren verschlimmern die Lage in den Anbauregionen: Covid-19 breitet sich in einem Moment aus, in der die Kaffeepreise an der NY-Börse bei 103US$/100lb liegen. In normalen Zeiten brauchen die Kaffeebauern (Honduras, Peru, Mexiko) einen Preis von mindestens 180US$/100lb, um über die Runden zu kommen. Dazu kommt, dass das Corona Virus auf Staaten mit extrem prekären Institutionen trifft. Diese sind vor allem durch Korruption durchseucht und können die Grundversorgung der Bevölkerung nicht übernehmen. Besonders gefährdet sind die Menschen in den ländlichen Gebieten. Noch dazu sind diese Volkswirtschaften durch den informellen Sektor geprägt; dort sind die Arbeitsbedingungen sehr prekär, vor allem in der Landwirtschaft.

In diesem Kontext müssen die Kaffeegenossenschaften und die Produzent*innen agieren. Obwohl die Situation sich in einigen Ländern wie Honduras oder Peru zuspitzt, heißt es zum Glück noch nicht „rettet- sich –wer- kann“. Die Genossenschaften leisten eine enorm wichtige Arbeit, um die Gemeinde zusammen zu halten, um den Produzent*innen Perspektiven und Hoffnung zu geben, damit diese Einstellung „rettet sich wer kann“ in den Anbaugebieten nicht eintritt. Sie verteilen Lebensmittel, sie informieren die Bauern über die Krankheit und über Schutzmaßnahmen, sie organisieren die Ernte und soweit es geht, versuchen sie gute Preise für den Kaffee ihrer Mitglieder zu erreichen.

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Aber auch die organisierte Zivilgesellschaft übernimmt im ländlichen Raum die Führungsaufgabe, die dem Staat eigentlich zugedacht ist. Die Organisationskraft der ländlichen Bevölkerung ist beachtenswert. Die Bauernwehr oder „Rondas Campesinas“ sind Zusammenschlusse von Bauern, die im ländlichen Raum Staataufgaben übernehmen, das Leben der Gemeinde so organisieren, dass keine Panik entsteht. Sie sind Polizisten, sprechen Recht aus und erfüllen Aufgaben von Behörden und koordinieren die Sicherheitsmaßnahmen in ihre Gemeinde. Die Bevölkerung versorgt diese Bauerwehr mit Lebensmittel und Geld, damit sie diese Aufgabe ausführen können. Viele Mitglieder dieser Bauerwehr sind Kaffeebauern und Mitglieder von Kaffeegenossenschaften. So meistern die Kaffeeproduzent*innen die Corona Krise.

Was erwarten die Genossenschaften und Kaffeeproduzent*innen von uns Fair Trader und Direct Trader? Wir müssen unsere Absatzmärkte hier in Deutschland halten und ausbauen. Unsere Absatzmärkte in Deutschland dürfen nicht zusammenbrechen, sonst sind sie gezwungen, ihren Rohkaffee zu Börsenpreis zu verkaufen (also zu einem Börsenpreis von aktuell 103US$/100lb). Das hätte katastrophale Auswirkungen.

Fotos: Kleber Cruz