Windrad

13

Aug.

Schwerter zu Windrädern

Klimakommune Saerbeck gewinnt den deutschen Nachhaltigkeitspreis

 

Saerbeck im Münsterland ist ein leuchtendes Beispiel für die Energiewende. Das Bürgerprojekt erhält in diesem Jahr den Deutschen Nachhaltigkeitspreis. Sogar eine Delegation aus dem japanischen Fukushima war schon da.

 


Schwerter zu Pflugscharen? Manchmal können Schwerter auch zu Windrädern und Solaranlagen werden. So geschehen in der 7.000-Einwohner-Gemeinde Saerbeck im nördlichen Münsterland. 2011 gab die Bundeswehr ein 90 Hektar großes Munitionsdepot in der Gemeinde auf. Seitdem entstanden Photovoltaik-Anlagen auf 68 Bunkerdächern, zwei Biomasse-Kraftwerke und ein Kompostwerk bei den ehemaligen Militärhallen und wuchsen sieben Windkraftanlagen aus dem Boden. Wenn das mal keine Friedensdividende ist.


Saerbeck NachhaltigkeitspreisEnergiewende selbstgemacht: Saerbeck präsentiert sich als ein leuchtendes Beispiel dafür, dass auch kleine Kommunen das schaffen können. In diesem Jahr ist die Gemeinde deshalb Preisträgerin des Deutschen Nachhaltigkeitspreises 2019 in der Kategorie "Kleinstädte und Gemeinden"; die Auszeichnung wird am 8./9. September verliehen. Weitere Preisträger sind Münster und Eschweiler. Der ständig wachsende Bioenergiepark - nur ein Projekt von mehreren - zieht Jahr für Jahr Besucher aus aller Welt an. Der parteilose Bürgermeister Wilfried Roos und seine Mitstreiter sind international gefragte Gesprächspartner. 2017 besuchte sogar eine Delegation aus dem japanischen Fukushima den Ort. Schon 2013 hatte Saerbeck einen undotierten Deutschen Nachhaltigkeitspreis gewonnen. Stolz nennt sich die Gemeinde auf ihren Ortsschildern "Klimakommune". "Wir sind ein Beispiel der Energiewende von unten, wir haben das örtliche Stromnetz gekauft."

 

Bürgermeister Roos kann mit beeindruckenden Zahlen aufwarten: Allein in den Bioenergiepark habe man gut 70 Millionen Euro investiert, größtenteils durch örtliche Investoren, berichtet er. Die Gemeinde erzeugt inzwischen dreimal so viel Strom aus Wind, Sonne und Biomasse, wie der Ort selbst verbraucht. Auch den Stadtkämmerer freut das. Ziel ist eine positive Energiebilanz bei Strom, Wärme und Verkehr bis 2030. Der CO2-Fußabdruck jedes Saerbeckers soll dann auf null gesunken sein. Schon jetzt ist er von 9 auf 5,5 Tonnen pro Jahr geschrumpft. Seit 2009 gehen Bürger und Politik gemeinsam den "Saerbecker Weg". "Begonnen haben wir mit der Frage, wie wir in öffentlichen Gebäuden mit Energie umgehen", erzählt Roos, der als Diplomverwaltungswirt das Thema zunächst vor allem unter Kostengesichtspunkten betrachtet hatte und sich inzwischen als "richtiger Öko" bezeichnet. "Mittlerweile habe ich Enkelkinder. Wir gehen diese Schritte auch, damit wir unser Dorf mit gutem Gewissen in die Hände der nächsten Generation geben können."

 Saerback
Foto: Klimakommune-Saerbeck.de

Bürgerbeteiligung wird groß geschrieben: Auf vielen Hausdächern sind Solaranlagen installiert. Die Gemeinde stellte Dächer öffentlicher Gebäude kostenlos für Solar-Bürgergenossenschaften zur Verfügung. Eine in der Schule eingerichtete gläserne Heizzentrale liefert mit Hilfe von Holzpellets Wärme für kommunale Gebäude, Kirche und Pfarrheim. Eine Biogasanlage wird von 17 Landwirten betrieben. Und in einer  Genossenschaft investierten 400 Mitglieder unter anderem in eine Windkraftanlage. "Gegen den Bau der sieben Windkraftanlagen gab es beim Beteiligungsverfahren keinen einzigen Einwand", erzählt der Bürgermeister stolz. Die Klimaschutzprojekte seien ein starker Identifikations- und Integrationsfaktor. Von Anfang an setzen die Saerbecker auch auf Bildung und Öffentlichkeitsarbeit. Es gibt Angebote für Lehrer, Kindergärten und Schulen.

 

Auch die im Ort gelegene CAJ-Bildungsstätte des Bistums Münster beteiligt sich - mit dem Ziel der "Bewahrung der Schöpfung". "Die Energiewende beginnt in den Köpfen", sagt Geschäftsführer Johannes Dierker. "Sie ist auch eine pädagogische Frage." Nicht alles läuft rund. Der Plan etwa, ein Nahwärmenetz für große Teile des Ortes aufzubauen, musste aufgegeben werden, weil er sich nicht rechnet. Doch für Roos gibt es noch genügend Projekte für die lokale Energiewende. So forscht die Fachhochschule Münster im Bioenergiepark an Speichertechnik. Auch mit der Mobilität im ländlichen Raum wollen sich die Saerbecker intensiver befassen. Es geht um Car-Sharing und Elektromobilität.  Inzwischen hat der Rat die Anschaffung eines E-Autos für Dienstfahrten und den Bau einer Schnellladestation auf dem Rathausparkplatz in die Wege geleitet.

https://www.klimakommune-saerbeck.de/city_info/webaccessibility/index.cfm?modul_id=33&record_id=96844