Politik und Fairer Handel

25

Aug.

Wieviel Politik steckt (noch) im Fairen Handel?

Sind die politischen Forderungen im Verkauf von immer mehr fairen Waren verloren gegangen?

Hochpolitisch, mit der Vision, die Welt zu verändern, ist der Faire Handel in den 1970er Jahren angetreten. Damals zeigte man sich entschlossen, „durch Bewusstseinsbildung bei den Menschen Kräfte auszulösen, die noch viel größer und wirksamer sind als die A3WH“ (aus: Fair Trade/Ruben Quaas, S.96). Was ist von diesen hochpolitischen, wirtschafts- und konsumkritischen Ansätzen übrig geblieben? Braucht der Faire Handel politische Bewusstseinsbildung? Oder muss er sie sogar haben? Fragen, die in den vergangenen Monaten mehr und mehr zu einer medialen Auseinandersetzung über die Ausrichtung des Fairen Handels geworden sind.


 

Zu Beginn der Bewegung „Fairer Handel“ ging es um Veränderungen bei uns, um Änderungen des Lebensstils, des Konsumverhaltens, letztlich aber auch der „Bedingungen des Welthandels“. Heute sind Vermarktung und Verkauf ein viel größerer Aspekt geworden, der Faire Handel ist in das System Welthandel integriert, das er zunächst bekämpfen wollte. Doch die Erhöhung der Verkaufszahlen ist für Weltläden und auch für Produzent*innen wichtig – Weltläden müssen wirtschaftlich sein und Produzent*innen erhalten über den Absatz der Produkte ihr Einkommen.

Die 1970/80er Jahre machen deutlich, dass die politische Arbeit schon immer ein wesentlicher Bestandteil des Fairen Handels war. Daher ist die politische Lobbyarbeit im Fairen Handel ein wichtiges Instrument, um auf Veränderungen im konventionellen Handel hinzuwirken. In Deutschland wird die politische Lobbyarbeit durch das Forum Fairer Handel in Berlin koordiniert. Auf europäischer und internationaler Ebene werden die politischen Aktivitäten in Brüssel koordiniert. Dieses so genannte Advocacy-Büro wurde 2004 von den internationalen Dachorganisationen des Fairen Handels FLO e.V., WFTO und EFTA gegründet und wird auch von diesen finanziert. Die politische Lobbyarbeit wird durch Kampagnenarbeit unterstützt.

Der politische Anspruch bleibt aktuell

„Ohne politische Arbeit ist Fairer Handel nicht denkbar“, heißt es beim Forum Fairer Handel. Der politische Anspruch von damals, die Regeln des konventionellen Weltmarktes zu verändern und gerechter zu gestalten , bleibt hochaktuell. Verankert ist er in der international anerkannten Definition des Fairen Handels. Hierin schreiben Fair-Handels-Dachorganisationen WFTO und Fairtrade International: „[...] Fair-Handels-Organisationen engagieren sich (gemeinsam mit Verbraucher*innen) für [...] die Bewusstseinsbildung sowie die Kampagnenarbeit zur Veränderung der Regeln und der Praxis des konventionellen Welthandels.“ Politische Arbeit im Fairen Handel hat dabei zwei Komponenten: einerseits werden durch politische Kampagnen Konsument*innen informiert, zum Nachdenken über eigene Konsumgewohnheiten angeregt und motiviert, sich selbst zu engagieren. Andererseits bietet politische Lobbyarbeit die Chance, großflächige Veränderungen zu erreichen – indem bei Parteien und Abgeordneten Ideen beworben und Forderungen gestellt werden. Dies ist aktuell bei der Kampagne des Forums Fairer Handel zur Bundestagswahl der Fall.

Auch für die Politik ist der Faire Handel eine echte Chance: Als konkrete Handlungsalternative erschöpft sich der Faire Handel nicht in theoretischen Diskussionen oder abstrakten Forderungen, sondern bietet Best Practice Beispiele für nachhaltiges Wirtschaften. Hier gilt es jedoch, nicht zu sehr in Selbstbeschäftigung zu versinken, sondern Dinge anzusprechen, auszusprechen und öffentlich wirksam zu machen. Die Faire Woche, die Fairtrade-Town-Bewegung sowie die Forderungen nach öko-fairer Beschaffung in Verwaltung und Kirche sind hier gute Beispiele für politische Einmischung. Auch haben die Hilfswerke und Jugendverbände (hier vor allem die Herausgeber dieser Zeitschrift) seit Jahren auf politischer Ebene agiert. Nicht zuletzt sind es Kampagnen und Aktionsformen wie „Zukunft Einkaufen“, „BaySanto“, „Wir haben es satt“, „Zukunftszeit“ und alles rund um den Kampf gegen ausbeuterische Kinderarbeit, die die Politik mit ins Boot nehmen, um konkrete Veränderungen hervorzurufen.

„Das Siegel führt zur Entpolitisierung“

Die Aktion Dritte Welt Saar übte vor knapp zwei Jahren mit der Veröffentlichung einer so genannten „Flugschrift“ heftige Kritik an der fehlenden politischen Ausrichtung des Fairen Handels: „Mit der Einführung eines Siegels, das tauglich für den Mainstream ist, ging auch eine Entpolitisierung des Fairen Handels einher. Betont politische Produkte, die auch heute noch an die Ursprünge in Nicaragua erinnern, wie zum Beispiel zapatistischer Kaffee aus der mexikanischen Provinz Chiapas, bestätigen mit ihrer Ausnahmestellung eher die entpolitisierte Regel. Das ist durchaus gewollt: Die Verbraucher*innen werden nicht mehr mit dem Anspruch behelligt, sich über ein Produkt informieren zu müssen.“ Ähnlich formuliert es Joaquín Vásques von UROCAL, der Produzent*innen Organisation in Ecuador, von der BanaFairdie Bananen erhält. Auf der anderen Seite weiß auch UROCAL, dass nur mehr Absatz höhere Einkommen und somit eine bessere Lebenssituation für die Produzierenden bedeutet.

Politische Anforderungen haben sich geändert

 

Die politischen Anforderungen des Fairen Handels haben sich durch den hohen Bekanntheitsgrad, durch die Vernetzung auf allen politischen Ebenen aber auch verändert. Der Blick zurück „als wir noch so hoch politisch“ waren, hilft nicht weiter. Auch politische Kampagnen müssen mit dem Zeitgeist gehen.

Flashmobs statt Flugschriften, online-Petitionen ersetzen die Unterschriftenaktion. Viele junge Menschen engagieren sich spontan und für kurze Zeit – die Mitarbeit im Vorstand eines Weltladens ist da oft zu langfristig. Doch das Engagement ist nicht weniger politisch und nicht weniger intensiv – es muss nur anders eingesetzt werden. So zeigen die zahlreichen Fairtrade-Schools, dass sich junge Menschen für den Fairen Handel begeistern lassen – nur eben anders, als vor 40 Jahren. Die Visionen des Fairen Handels sind keine Utopien. Sie sind verbunden mit politischen Forderungen, die innerhalb der nächsten Legislaturperiode umgesetzt werden könnten. Zudem sind sie angelehnt an die Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung, zu deren Umsetzung sich die Bundesregierung im Rahmen der Vereinten Nationen verpflichtet hat. Ziel der Kampagne ist, mit Blick auf den Bundestagswahlkampf mit den Bürger*innen intensiv über die Zukunftsvisionen des Fairen Handels ins Gespräch zu kommen.

Die Fair-Handels-Akteure wollen viele Bundestagskandidat*innen davon überzeugen, sich in der nächsten Legislaturperiode für die Verwirklichung der Visionen und die Umsetzung der politischen Forderungen des Fairen Handels stark zu machen. Eine sehr politische Aktion des Fairen Handels!

Es scheint, dass im Fairen Handel noch immer sehr viel Politik steckt – und das auf allen Ebenen. Sowohl die Weltläden und Gruppen engagieren sich bei Kampagnen, in Steuerungsgruppen und Infoabenden, als auch die Dachorganisationen, die die Kampagnen organisieren. Alle Importorganisationen haben politische Referenten, die GEPA hat zuletzt mit der Podiumsdiskussion zum Thema „Klimawandel“ (http://www.gepa.de/meldungen/climate-first.html) eine aktuelle politische Diskussionsreihe ins Leben gerufen und richtet sich mit konkreten Forderungen an die Politik.

von Gundis Jansen-Garz, erschienen in Welt&Handel Nr.6/2017, www.weltundhandel.de

 

Visionen des Fairen Handels für die Bundestagswahl:

Gemeinsam mit dem Weltladen-Dachverband hat das Forum Fairer  Handel

http://www.forum-fairer-handel.de

drei Visionen des Fairen Handels für die Bundestagswahl formuliert:

Vision 1: Faire Arbeitsbedingungenweltweit!

Alle Menschen können weltweit in Würde arbeiten und sich dadurch einen guten Lebensstandard leisten.

Vision 2: Eine bäuerliche Landwirtschaft, die alle Menschen ernährt!

Die Landwirtschaft kann uns alle nachhaltig und ökologisch ernähren und ermöglicht den Bäuerinnen und Bauern weltweit ein gutes Auskommen.

Vision 3: Menschenwürdiger Umgang mit allen!

Wir sind eine weltoffene, solidarische Gesellschaft, die lebenswerte Perspektiven für Schutzsuchende bietet und in der Rassismus und Diskriminierung keinen Platz haben.